Azubi-Rekrutierung: Was Arbeitgeber (noch) besser machen können

Die Hochschule Koblenz hat in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen u-Form die Auszubildenden-Rekrutierung in Deutschland untersucht. Das Ergebnis: Viele Unternehmen müssen erst noch verinnerlichen, dass aus dem klassischen Ausbildungsmarkt ein dynamischer Bewerbermarkt geworden ist.

Während viele Unternehmen sich mittlerweile intensiv um hochqualifizierte Fachkräfte bemühen, zeigt sich beim Azubi-Recruiting ein anderes Bild. Dies legen zumindest Ergebnisse nahe, die Christoph Beck, Professor für Personal- und Bildungswesen an der Hochschule Koblenz, in Zusammenarbeit mit dem Einstellungstest-System-Anbieter u-Form in einer aktuellen Untersuchung präsentiert. In der gemeinsam erstellten Studie „Azubi-Recruiting Trends 2017“ (Erhebungszeitraum Januar bis März 2017, erschienen Mitte des Jahres) kommen die Experten zu dem Ergebnis, dass viele geeignete Ausbildungs-Bewerber von den Firmen durch unrealistische Anforderungsprofile und unzureichend organisierte Rekrutierungsabläufe geradezu „vergrault“ würden (Originalzitat aus der Studienzusammenfassung, A.d.R).

Suche nach dem Ausbildungsplatz gleicht Elfmeter ohne Torwart

Konkret attestiert Beck den Unternehmen nach der intensiven Befragung von insgesamt 2.635 Auszubildenden und Bewerbern, 903 Ausbildungsverantwortlichen sowie 150 Präsenzinterviews mit Schülern und Eltern unter anderem eine „mangelnde Prozessqualität“. In einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem mehr als 60 Prozent der Ausbildungsbewerber mehr als ein Stellenangebot erhalten, liegt hier also noch viel Verbesserungspotenzial. Die Studie zeigt, dass die Personalbeschaffung für Azubis teilweise noch nicht auf dem Level agiert, das für andere Tätigkeitsfelder bereits Standard ist. Und das, obwohl die erfolgreiche Ausbildungsplatzsuche heute zumindest für einen großen Teil der gutgebildeten Kandidaten eine sichere Sache ist.

Der Grund ist einfach: Auch bei den Azubis hat sich der klassische Angebotsmarkt im Laufe der vergangenen Jahre schleichend zu einem hart umkämpften Nachfragemarkt transformiert. Zumindest bringt die Studie zahlreiche Belege ans Licht, die kaum eine andere Deutung zulassen. Wie ist es sonst zu erklären, dass etwa knapp die Hälfte aller Azubi-Bewerber weniger als sechs Bewerbungen schreiben muss, bevor sie einen Vertrag unterschreibt? Wie kann es sein, dass es sich jeder vierte Bewerber auf einen Ausbildungsplatz im Jahr 2017 erlauben kann, nicht zu vereinbarten Vorstellungsgesprächen zu erscheinen? Und der wahre Hammer kommt erst noch: Zehn von 100 Azubis treten aufgrund besserer Alternativen eine vertraglich vereinbarte Lehrstelle nicht mal mehr an.

Fast jeder zweite Azubi bekommt auf Bewerbung keine Antwort

Inwieweit hat sich das Recruiting auf diese neue Lage eingestellt? Wurden Bewerberkommunikation, Candidate Journey und interne Abläufe entsprechend angepasst? Zumindest noch nicht in ausreichendem Maße, sagt zumindest die Studie. Denn trotz der oben beschriebenen Situation warten viele Bewerber vergebens auf ein Echo der suchenden Ausbildungsbetriebe. Rund 45 Prozent der potenziell Auszubildenden erhalten keinerlei Rückmeldung auf ihre Bewerbung.

Dazu kommt ein weiterer Punkt: In einem wettbewerbsintensiven Nachfragemarkt ist es eigentlich empfehlenswert, zurückhaltend mit Stellenprofilen und Fähigkeitsnachweisen umzugehen. Doch laut Studie ist das nicht die gängige Praxis. Konsequent wäre es immerhin, wenn die Unternehmen die von ihnen formulierten Voraussetzungen ernst nehmen würden. Aber auch hier reißen viele Betriebe aus. Knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen gaben gegenüber den Forschern an, es müssten längst „nicht alle“ Anforderungen erfüllt sein, damit sie eine Bewerbung berücksichtigen. Schwierig nur, wenn auf der anderen Seite die Azubis die in den Ausschreibungen genannten Punkte komplett für bare Münze nehmen: Knapp 50 Prozent der Kandidaten bewerben sich ausschließlich dann, wenn sie alle oder aber mindestens vier von fünf Anforderungen erfüllen. Das führt zu der kuriosen Situation, dass ausgerechnet diejenigen nicht an Bewerbungsprozessen teilnehmen, die besonders gezielt vorgehen und präzise hinschauen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass deutschen Ausbildungsbetrieben auf diese Weise sehr viele gut geeignete Kandidaten verloren gehen.

Kennenlernen als Chance

Die aktuelle Bestandsaufnahme ist auf den ersten Blick sicher nicht befriedigend, sollte Recruiter aber auch nicht unnötig beunruhigen: Schließlich sind die Probleme nicht in Stein gemeißelt, sie lassen sich lösen. Laut „Azubi-Recruiting Trends 2017“ bietet vor allem der persönliche Kontakt große Chancen für die Ausbildungsbetriebe. Es geht vor allem darum, sich näher kennenzulernen. Drei von vier Azubi-Kandidaten schätzen die Möglichkeit, im Vorfeld einer Festanstellung ein Praktikum absolvieren zu dürfen. Ähnlich goutiert werden Probearbeitstage, eine gute Atmosphäre im Bewerbungsgespräch sowie eine schnelle Rückmeldung auf die Bewerbung selbst. Das ist bei ausreichender Sensibilisierung machbar und gibt den suchenden Ausbildungsbetrieben alle Möglichkeiten – wenn sie sich denn auf die neue Situation am Markt einstellen.

Mehr zur kostenpflichtigen Studie „Azubi-Recruiting Trends 2017“ gibt es hier

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