Den Bewerbern auf der Spur – Candidate Experience in der Praxis

Weinberg_Helge_1Eine Buchrezension von Gastautor Helge Weinberg

Wer erinnert sich nicht mit Wehmut an die ersten Schritte ins Berufsleben? Als Bewerber noch Bewerber waren, also um ein Unternehmen werben mussten? Heute bewerben sich auch die Unternehmen. ,Candidate Experience‘ lautet das Zauberwort. Ein Begriff, der in den letzten Jahren zuweilen überstrapaziert worden ist, aber zweifellos für essenziell wichtige Prozesse im Recruiting steht. Jetzt hat Tim Verhoeven, Leiter Recruiting und Personalmarketing bei der Unternehmensberatung BearingPoint, ein Buch über das optimale Bewerbererlebnis herausgegeben. Der Titel lautet schlicht „Candidate Experience“. Hier erfahren Sie einige der wichtigsten Erkenntnisse.

Prozesse unter der Lupe: Von der Eingangsbestätigung bis zum ersten Arbeitstag 

Candidate Experience will an allen relevanten Kontaktpunkten (Touchpoints) ein konsistentes Bild der Arbeitgebermarke und ein positives Bewerbererlebnis schaffen, so eine Definition. Deren gibt es viele. Allein in einem Bewerbermanagementsystem kommt Verhoeven auf knapp 40 Kontaktpunkte. Auf 161 Seiten beschreiben Verhoeven und seine Koautoren neben den Grundlagen zu einem guten Teil, wie HR einen Candidate Experience-Prozess planen und umsetzen kann. Das ist ein guter Ansatz, denn Erfahrungen aus der Praxis ermuntern zum Ausprobieren und Nachmachen.

Jeden Kontaktpunkt im Detail betrachten

Mit jeder neuen Stellenausschreibung schicken Unternehmen die Bewerber auf die Reise. Diese Candidate Journey ist die Summe der Kontaktpunkte, mit denen Bewerber in Berührung kommen. Wichtig sei es, die Kontaktpunkte im Detail zu betrachten und nicht nur „oberflächliche Überbegriffe“, meint Verhoeven. Ein Beispiel: Jede Form der Standard-Absage ist separat zu prüfen. Dazu zählen „Absagen nach den verschiedenen Status (im Bewerbungsprozess) und verschiedenen Zielgruppen“ sowie in unterschiedlichen Sprachen. Die Touchpoints können nach bestimmten Zielgruppen, wie Azubis, Young Professionals oder Executives unterteilt werden – je maßgeschneiderter die Kommunikation, desto besser.

Kosten-Nutzen-Verhältnis beachten

Der nächste Schritt ist die Priorisierung der Kontaktpunkte. Für welche Touchpoints sollen als erstes Maßnahmen erarbeitet werden? Wo stimmt das Kosten-Nutzen-Verhältnis? Zwei wichtige Kriterien in dieser Hinsicht sind die Relevanz für die Bewerber und die Möglichkeit des Unternehmens, überhaupt Einfluss auf den Kontaktpunkt nehmen zu können. Eine Einordnung der Touchpoints im Rahmen einer Matrix nach diesen beiden Gesichtspunkten schafft Klarheit, Beispiele sind im Buch zu finden.

Onboarding nicht vergessen

Während der Bewerbungsprozess für viele Personaler auf dem Prüfstand steht, führt das Onboarding ein eher verschwiegenes Dasein im Personalmanagement. Verhoeven: „Candidate Experience ist als ganzheitlicher Prozess zu sehen“. Die Personaler dürften das Onboarding nicht vernachlässigen. Wobei er sich in seiner Darstellung auf die Zeit zwischen der Vertragsunterzeichnung und den Beginn der Arbeitsaufnahme konzentriert. Wie kann ein Unternehmen den Kontakt zu den zukünftigen Mitarbeitern halten und vertiefen? Seminare und Trainings, aber auch Team-Events und Feste aller Art eignen sich hervorragend dazu, diese schrittweise einzubinden.

Nicht zuletzt kann das Unternehmen von der unbefangenen Sichtweise der Neuankömmlinge profitieren: die neuen Mitarbeiter als Berater. Dies ist ein Aspekt, den auch Peter M. Wald, Professor für Personalmanagement an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK), in einem Interview mit dem RETHINK-Blog herausgestellt hat.

Mit Soja-Milch für ein positives Bewerbererlebnis sorgen

Praxistipps für alle Touchpoints runden das Buch ab. Zum Beispiel dieser: Warum muss es immer Wasser, Kaffee und Limo zum Bewerbungsgespräch geben? Warum nicht einmal Soja-Milch oder laktosefreie Milch anbieten? Immerhin hätten 15 Prozent der Deutschen mit einer Laktose-Unverträglichkeit zu kämpfen.

Tim Verhoeven (Hrsg.): „Candidate Experience: Ansätze für eine positiv erlebte Arbeitgebermarke im Bewerbungsprozess und darüber hinaus“, Verlag: Springer Gabler, Wiesbaden 2016, 161 Seiten, Preis: 34,99 Euro, ISBN (Print): 978-3-658-08895-8

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